
Das entscheidende Kriterium im modernen B2B-Einkauf ist nicht mehr der Preis, sondern die nachweisbare Risikominimierung.
- Nachhaltigkeit und Zertifizierungen sind keine „Soft Skills“ mehr, sondern harte, messbare Faktoren zur Absicherung gegen Lieferkettenausfälle und rechtliche Konsequenzen (LkSG).
- Der Einkäufer agiert als interner Risikomanager, dessen persönliche und berufliche Sicherheit davon abhängt, die „sicherste“, nicht zwingend die billigste, Entscheidung zu treffen und zu rechtfertigen.
Recommandation: Stellen Sie Ihre Verkaufsargumentation um: Liefern Sie nicht nur ein Produkt, sondern ein umfassendes „Risikominimierungs-Paket“ inklusive aller notwendigen Dokumente, Zertifikate und TCO-Berechnungen, um dem Einkäufer die interne Rechtfertigung zu erleichtern.
Als Vertriebsleiter kennen Sie das frustrierende Szenario: Sie haben ein Angebot abgegeben, das preislich attraktiv, qualitativ hochwertig und pünktlich geliefert ist. Und trotzdem erhalten Sie eine Absage. Sie fragen sich, woran es gelegen hat, und vermuten oft undurchsichtige Gründe oder bestehende Seilschaften. Die Wahrheit ist meist rationaler und hat sich in den letzten Jahren fundamental verschoben. Der B2B-Einkauf in Deutschland hat sich von einer reinen Preis- und Leistungsbewertung zu einer komplexen Übung im Risikomanagement gewandelt.
Die gängige Diskussion dreht sich oft um die scheinbare Dichotomie von „Preis“ versus „Nachhaltigkeit“. Doch diese Sichtweise ist veraltet. Für den modernen, professionellen Einkäufer ist Nachhaltigkeit kein moralischer Kompass mehr, sondern das härteste, messbarste und wichtigste Instrument zur Risikobewertung. Es geht nicht mehr darum, „grün“ zu sein, sondern darum, die Geschäftskontinuität zu sichern, regulatorische Strafen zu vermeiden und – ganz entscheidend – die eigene Position im Unternehmen zu schützen. Wer heute als Verkäufer nicht die Sprache des Risikomanagements spricht, wird aus dem Auswahlprozess aussortiert, bevor der Preis überhaupt eine Rolle spielt.
Dieser Artikel entschlüsselt die neue Denkweise deutscher Einkäufer. Wir analysieren, wie Nachhaltigkeitskriterien zu knallharten K.O.-Faktoren in Ausschreibungen geworden sind, wie Sie höhere Preise durch Versorgungssicherheit rechtfertigen und wie Sie das gesamte Buying Center beeinflussen, auch wenn Sie nur mit einer Person am Tisch sitzen. Es ist ein Insider-Leitfaden, um die wahren Entscheidungsmechanismen zu verstehen und Ihre Vertriebsstrategie zukunftssicher zu machen.
Um die komplexen neuen Spielregeln im B2B-Einkauf zu meistern, ist ein strukturiertes Verständnis der einzelnen Hürden und Hebel unerlässlich. Der folgende Artikel führt Sie durch die entscheidenden Aspekte, von der formalen Qualifikation bis zur psychologischen Beeinflussung des gesamten Entscheidungsgremiums.
Sommaire: Die neue Realität im deutschen B2B-Einkauf verstehen
- Warum Sie ohne ISO-Zertifizierung gar nicht erst anbieten brauchen?
- Wie rechtfertigen Sie höhere Preise durch Versorgungssicherheit?
- Exklusivvertrag oder Zweitlieferant: Was bevorzugen Risikomanager aktuell?
- Das Detail im Lieferantenfragebogen, das zur sofortigen Aussortierung führt
- Wie werden Sie von Einkäufern gefunden, bevor die Ausschreibung startet?
- Preisführer oder Qualitätsführer: Wie positionieren Sie sich in Ausschreibungen?
- Die Angst des Einkäufers vor Fehlentscheidungen, die Ihren Deal blockiert
- Wie beeinflussen Sie das Buying Center, wenn Sie nicht am Tisch sitzen?
Warum Sie ohne ISO-Zertifizierung gar nicht erst anbieten brauchen?
In der Welt des modernen B2B-Einkaufs sind Zertifizierungen wie die ISO 9001 keine „Nice-to-haves“ mehr, die man im Anhang erwähnt. Sie sind die fundamentalen Eintrittskarten. Ein professioneller Einkäufer steht unter dem enormen Druck, eine überprüfbare, standardisierte und risikoarme Auswahl zu treffen. Ein Lieferant ohne anerkannte Zertifizierung stellt in dieser Gleichung eine unbekannte Variable dar – ein nicht kalkulierbares Risiko. In automatisierten Vorsortierungsprozessen oder standardisierten Bewertungsmatrizen führt das Fehlen eines Hakens bei „ISO 9001 zertifiziert?“ oft zur sofortigen und automatischen Disqualifikation.
Der Grund ist rein prozessual: Die Zertifizierung ist der schnellste und einfachste Beweis dafür, dass Ihr Unternehmen über etablierte und geprüfte Qualitätsmanagement-Prozesse verfügt. Für den Einkäufer bedeutet das, dass er sich nicht auf Ihre Marketingversprechen verlassen muss, sondern auf einen international anerkannten Standard. Laut aktuellem ISO-Survey sind weltweit 878.664 Unternehmen an 1,18 Millionen Standorten nach ISO 9001 zertifiziert. Wer hier nicht dazugehört, positioniert sich als Ausnahme – und im Einkaufsprozess ist eine Ausnahme selten positiv besetzt.
Betrachten Sie Ihre Zertifizierungen nicht als administrative Last, sondern als Ihr stärkstes proaktives Verkaufsargument. Anstatt sie nur aufzulisten, sollten Sie im Angebot konkret darauf verweisen, wie die zertifizierten Prozesse die spezifischen Risiken des Kunden (z.B. Lieferausfälle, Qualitätsschwankungen) direkt adressieren und minimieren. Es geht darum, dem Einkäufer die Argumente an die Hand zu geben, warum Ihre Konformität einen messbaren Wert darstellt, der über den reinen Preis hinausgeht.
Wie rechtfertigen Sie höhere Preise durch Versorgungssicherheit?
Die Erfahrung der letzten Jahre mit unterbrochenen Lieferketten hat die Prioritäten im Einkauf fundamental verschoben. Die Frage lautet nicht mehr nur „Was kostet es?“, sondern „Was kostet es uns, wenn wir es nicht bekommen?“. Hier liegt Ihr stärkster Hebel zur Rechtfertigung eines höheren Preises. Versorgungssicherheit ist eine versicherungsähnliche Leistung geworden, für die professionelle Einkäufer bereit sind zu zahlen. Ihr Job ist es, diesen Mehrwert zu quantifizieren.
Argumentieren Sie nicht mit abstrakten Qualitätsversprechen, sondern mit konkreten Risikominimierungs-Szenarien. Zeigen Sie auf, wie Ihre robusten Prozesse, Ihre geografische Nähe, Ihr Lagerhaltungsmanagement oder Ihre dualen Lieferantenstrukturen das Risiko eines Produktionsstillstands beim Kunden minimieren. Berechnen Sie, was ein einziger Tag Ausfall den Kunden kosten würde, und stellen Sie dies den Mehrkosten Ihres Angebots gegenüber. Plötzlich erscheint Ihr Preis nicht mehr als Kostenfaktor, sondern als Investition in die Geschäftskontinuität.
Diese Bereitschaft, für Sicherheit mehr zu zahlen, spiegelt sich auch im Konsumentenverhalten wider, was zunehmend auf den B2B-Markt abstrahlt. Eine PwC-Studie zeigt, dass deutsche Konsumenten durchschnittlich einen 9 Prozent Aufpreis für nachhaltige Produkte akzeptieren, weil sie diese mit höherer Qualität und Zuverlässigkeit assoziieren. Im B2B-Kontext ist dieser Aufschlag für garantierte Versorgungssicherheit oft noch deutlich höher, da es um existenzielle Risiken geht.

Das obige Modell verdeutlicht, wie Nachhaltigkeitsfaktoren direkt in die Risikobewertung der Lieferkette einfliessen. Jeder grüne Knotenpunkt in Ihrer Kette – sei es eine lokale Quelle, ein zertifizierter Prozess oder ein recycelter Rohstoff – ist ein Argument gegen das Risiko und somit eine Rechtfertigung für Ihren Preis. Machen Sie diese Punkte in Ihrem Angebot sichtbar und übersetzen Sie sie in den finanziellen Wert der Risikominimierung.
Exklusivvertrag oder Zweitlieferant: Was bevorzugen Risikomanager aktuell?
Die klassische Einkaufslehre predigte lange die „Dual Sourcing“-Strategie, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Doch diese Regel wird zunehmend in Frage gestellt. Ein moderner Risikomanager bevorzugt nicht zwingend zwei Lieferanten – er bevorzugt das insgesamt geringste Risiko. Die Frage ist also nicht „ein oder zwei Lieferanten?“, sondern „Welche Konstellation ist besser beherrschbar und dokumentierbar?“. Hier öffnet sich eine riesige Chance für strategische Partner, die mehr als nur ein Produkt liefern.
Zwei mittelmässige, nicht voll-konforme Lieferanten können für einen Einkäufer ein weitaus grösseres Management- und Dokumentationsrisiko darstellen als ein einziger, strategischer Partner, der höchste Transparenz und Compliance bietet. Wenn Sie in der Lage sind, die gesamte Wertschöpfungskette lückenlos zu dokumentieren, alle Zertifikate bereitzustellen und proaktiv über Risiken zu informieren, werden Sie zu einem Partner, der Komplexität reduziert, anstatt sie zu erhöhen. In diesem Fall kann ein Exklusivvertrag für den Einkäufer die risikoärmere und somit bevorzugte Option sein.
Fallstudie: Gasunie Deutschland GmbH
Gasunie, einer der grossen deutschen Fernleitungsnetzbetreiber, stand vor der Herausforderung, Nachhaltigkeit tief in seinen Beschaffungsprozessen zu verankern. Anstatt viele kleine Massnahmen zu ergreifen, entwickelte das Unternehmen eine umfassende „Einkaufs-Sustainability Roadmap“ mit über 35 Werkzeugen. Diese strategische Herangehensweise zeigt laut einer Analyse von HÖVELER HOLZMANN, wie ein einziger strategischer Partner, der eine solche umfassende Nachhaltigkeitskompetenz liefert, das Gesamtrisiko effektiver minimieren kann als die Verwaltung mehrerer, nicht vollständig konformer Lieferanten.
Besonders im deutschen Mittelstand, der oft von Familienunternehmen geprägt ist, spielen langfristige Partnerschaften und Vertrauen eine übergeordnete Rolle. Hier zählt die Verlässlichkeit eines Partners oft mehr als die rein prozessuale Risikostreuung. Wie Experten betonen, sind diese Beziehungen ein entscheidender Faktor:
Für viele deutsche Familienunternehmen sind langfristiges Vertrauen und persönliche Beziehungen wichtiger als eine reine Preis- oder Risikominimierungsstrategie.
– KPMG Klardenker, Wie nachhaltiger Einkauf die Lieferkette stärkt
Ihr Ziel muss es also sein, sich nicht als austauschbarer Lieferant, sondern als unverzichtbarer strategischer Partner zur Komplexitätsreduktion zu positionieren. Dann wird die Frage nach einem Zweitlieferanten für den Einkäufer irrelevant.
Das Detail im Lieferantenfragebogen, das zur sofortigen Aussortierung führt
Der Lieferantenfragebogen ist das Schlachtfeld, auf dem die erste Auswahlrunde stattfindet. Er ist kein Formular zum Kennenlernen, sondern ein systematischer Aussortierungs-Mechanismus. Jede Frage ist darauf ausgelegt, Risiken zu identifizieren. Ein „Nein“, „Nicht zutreffend“ oder eine leere Antwort an der falschen Stelle führt oft zur direkten Disqualifikation, lange bevor ein Mensch Ihr eigentliches Angebot prüft. Die Sorgfalt, die Sie hier investieren, entscheidet darüber, ob Sie überhaupt im Rennen bleiben.
Besonders kritisch sind Fragen, die sich auf neue gesetzliche Anforderungen beziehen. Das prominenteste Beispiel in Deutschland ist das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG). Eine Frage wie „Wie stellen Sie die Einhaltung des LkSG in Ihrer vorgelagerten Lieferkette sicher?“ ist kein Wunsch nach einer allgemeinen Absichtserklärung. Es ist eine Forderung nach einem dokumentierten, überprüfbaren Prozess. Wer hier nur mit „Wir halten uns an Gesetze“ antwortet, beweist, dass er das Thema nicht ernst nimmt und wird aussortiert.

Die Makroaufnahme oben symbolisiert die Realität: Jedes Detail zählt. Der moderne Einkaufsprozess ist datengesteuert. Fehlende oder unplausible Antworten zu Schlüsselthemen wie Scope-3-Emissionen, Kreislauffähigkeit oder branchenspezifischen Standards (z.B. der „Blaue Engel“ in Deutschland) sind rote Flaggen. Bereiten Sie sich darauf vor, nicht nur „Ja“ zu sagen, sondern dieses „Ja“ mit konkreten Daten, Berichten und Zertifikaten zu untermauern. Ein unvollständig oder vage ausgefüllter Fragebogen ist die häufigste und gleichzeitig am einfachsten vermeidbare Ursache für ein frühes Scheitern in Ausschreibungen.
Sehen Sie den Fragebogen als Ihre erste Arbeitsprobe. Ein vollständig, präzise und mit Belegen ausgefülltes Dokument signalisiert Professionalität, Transparenz und ein geringes Risiko – und ist damit Ihr wichtigstes Werkzeug, um die erste Hürde des Auswahlprozesses zu überwinden.
Wie werden Sie von Einkäufern gefunden, bevor die Ausschreibung startet?
Der profitabelste Auftrag ist der, für den Sie sich nicht bewerben müssen, weil er für Sie geschrieben wurde. Der Schlüssel dazu liegt darin, den Einkaufsprozess zu beeinflussen, bevor er formal beginnt. Professionelle Einkäufer hassen Überraschungen. Bevor eine offizielle Ausschreibung gestartet wird, findet eine intensive Phase der Markterkundung und Lösungsrecherche statt. In dieser Phase definiert der Einkäufer die Kriterien, recherchiert mögliche Anbieter und formuliert die Anforderungen. Wer in dieser Phase als kompetenter Berater wahrgenommen wird, prägt die Ausschreibung zu seinen Gunsten.
Der Weg in diese frühe Phase führt über gezieltes Content-Marketing, das die Probleme des Einkäufers adressiert. Erstellen Sie Whitepaper, Webinare, Blogartikel oder LinkedIn-Posts, die sich nicht mit Ihren Produkten, sondern mit den Herausforderungen des Einkaufs beschäftigen: Wie managt man Lieferkettenrisiken? Wie bewertet man Scope-3-Emissionen? Wie erfüllt man die Anforderungen des LkSG? Indem Sie diese Fragen beantworten, positionieren Sie sich als Experte und vertrauenswürdige Ressource, nicht als Verkäufer.
Content-Marketing, das die Probleme des Einkäufers löst, macht Sie zur vertrauenswürdigen Ressource noch vor der Ausschreibung.
– Sebastian Keller, Vice President Product bei Visable
Ein weiterer Aspekt ist die digitale Präsenz auf B2B-Plattformen und in Fachnetzwerken. Einkäufer nutzen diese Kanäle gezielt für ihre erste Longlist. Eine Studie von HÖVELER HOLZMANN zeigt, dass 64 Prozent der deutschen Unternehmen noch keine spezialisierten digitalen Tools für nachhaltige Beschaffung nutzen. Das bedeutet, dass die Recherche oft noch manuell über Suchmaschinen und bekannte Portale erfolgt. Eine hohe Sichtbarkeit mit relevanten, problemlösenden Inhalten ist hier der entscheidende Vorteil. Seien Sie die Antwort auf die Fragen, die der Einkäufer googelt, lange bevor er eine Ausschreibungsplattform öffnet.
Preisführer oder Qualitätsführer: Wie positionieren Sie sich in Ausschreibungen?
Die Entscheidung zwischen einer Preis- und einer Qualitätsführerschaft ist eine der fundamentalsten strategischen Weichenstellungen. In der heutigen Beschaffungswelt ist eine unklare Positionierung der sicherste Weg, durch alle Raster zu fallen. Sie müssen sich bewusst entscheiden, welches Spiel Sie spielen wollen. Ein Versuch, der Billigste und gleichzeitig der Beste zu sein, ist unglaubwürdig und führt dazu, dass Sie in beiden Kategorien gegen Spezialisten verlieren.
Der „Konsummonitor Nachhaltigkeit 2024“ des Handelsverbands Deutschland (HDE) liefert hierzu aufschlussreiche Daten, die sich auf den B2B-Markt übertragen lassen. Während der Preis ein zentraler Faktor bleibt, gewinnt die Langlebigkeit (Qualität) und zunehmend die Nachhaltigkeit an Bedeutung. Ihre Positionierung muss diese Prioritäten des Einkäufers widerspiegeln. Die folgende Tabelle fasst die Kernstrategien und ihre Erfolgsfaktoren zusammen:
| Strategie | Fokus | Käuferpriorität (%) | Erfolgsfaktoren |
|---|---|---|---|
| Preisführer | Niedrigster Preis | 73% | Skaleneffekte, Effizienz |
| Qualitätsführer | Langlebigkeit & Präzision | 70% | German Engineering, Zertifizierungen |
| Nachhaltigkeitsführer | Lebenszyklus & CO2 | 46% | ESG-Reporting, Kreislaufwirtschaft |
Die Daten, basierend auf einer Analyse des HDE, zeigen, dass Preis und Qualität fast gleichauf liegen. Eine reine Preisstrategie ist riskant, da sie leicht unterboten werden kann. Eine Qualitäts- oder Nachhaltigkeitsstrategie hingegen schafft eine dauerhaftere und besser zu verteidigende Positionierung. Der Schlüssel liegt darin, den Mehrwert Ihrer gewählten Strategie zu quantifizieren. Als Qualitätsführer sprechen Sie über Total Cost of Ownership (TCO) statt über den reinen Kaufpreis. Als Nachhaltigkeitsführer sprechen Sie über CO2-Reduktion, ESG-Compliance und Risikominimierung.
Modulare Preisstrategie: Die Lösung der Dichotomie
Eine PwC-Studie zeigt einen eleganten Ausweg aus dem Dilemma. Erfolgreiche Anbieter in Deutschland nutzen zunehmend modulare Preismodelle. Sie bieten einen transparenten Grundpreis, der die Kernqualität abdeckt, und ergänzen diesen durch optional buchbare Nachhaltigkeits-Services wie CO2-Kompensation, erweitertes ESG-Reporting oder die Nutzung spezieller recycelter Materialien. Dieser Ansatz hat einen entscheidenden psychologischen Vorteil: Er gibt dem Einkäufer die Kontrolle und das Gefühl, eine bewusste Wahl zu treffen. Er kann intern den Basispreis rechtfertigen und den Nachhaltigkeitsaufschlag als separate, wertsteigernde Investition darstellen, anstatt einen intransparenten Mischpreis verteidigen zu müssen.
Das Wichtigste in Kürze
- Risikomanagement schlägt Preis: Die Hauptaufgabe des modernen Einkäufers ist die Minimierung von Geschäfts- und persönlichen Risiken. Nachhaltigkeit und Compliance sind dabei die härtesten Währungen.
- Dokumentation ist alles: Fehlende Zertifikate (ISO) oder unvollständige Lieferantenfragebögen (LkSG, Scope-3) sind die häufigsten Gründe für eine sofortige Disqualifikation.
- Helfen Sie dem Einkäufer, zu kaufen: Ihr Job ist es, dem Einkäufer ein „internes Rechtfertigungs-Kit“ zu liefern, das ihm hilft, seine Entscheidung für Ihr (oft teureres) Angebot vor dem Buying Center zu verteidigen.
Die Angst des Einkäufers vor Fehlentscheidungen, die Ihren Deal blockiert
Der vielleicht grösste, aber am seltensten ausgesprochene Deal-Blocker ist die persönliche Angst des Einkäufers. Eine falsche Lieferantenwahl kann im schlimmsten Fall zu Produktionsausfällen, Rückrufaktionen oder Compliance-Strafen führen – und damit die Karriere des verantwortlichen Einkäufers gefährden. Diese Angst vor der Fehlentscheidung führt oft zu einer „sicheren“ Wahl für den etablierten, aber vielleicht nicht besten Anbieter oder zu einer lähmenden Entscheidungsunfähigkeit (Analysis Paralysis).
Ihr Gegenüber ist nicht das Unternehmen, sondern ein Mensch, der seine Position und sein Ansehen im Unternehmen schützen will. Eine internationale Kantar-Studie untermauert diese psychologische Komponente: 72 Prozent der Deutschen glauben, dass ihre Mitmenschen beim Einkaufen primär an ihren eigenen Vorteil denken. Dieses Misstrauen ist im B2B-Kontext, wo es um hohe Summen und Karrieren geht, noch ausgeprägter. Der Einkäufer fragt sich insgeheim: „Was passiert, wenn dieser neue, teurere Lieferant doch nicht liefert? Wie stehe ich dann vor meinem Chef da?“. Ihre Aufgabe ist es, diese Angst proaktiv zu adressieren.
Sie überwinden diese Hürde nicht durch weitere Produktfeatures, sondern indem Sie dem Einkäufer ein komplettes Rüstzeug zur internen Rechtfertigung an die Hand geben. Sie müssen ihn befähigen, seine Entscheidung für Sie als die rationalste, sicherste und zukunftsfähigste Wahl zu präsentieren. Machen Sie seine Arbeit für ihn: Liefern Sie ihm die Argumente, die Daten und die fertigen Präsentationsfolien, die er benötigt, um seine Vorgesetzten und Kollegen im Buying Center zu überzeugen.
Ihr Aktionsplan: Das Rechtfertigungs-Kit für den risikoaversen Einkäufer
- Business Case erstellen: Liefern Sie eine fertige Präsentationsfolie mit einer klaren TCO-Berechnung (Total Cost of Ownership), die nicht nur den Kaufpreis, sondern auch Wartungs-, Ausfall- und Entsorgungskosten berücksichtigt und den Risikominimierungseffekt quantifiziert.
- Risiko-Matrix visualisieren: Erstellen Sie eine einfache Matrix, die Ihr Angebot (geringes Risiko, hohe Compliance) direkt mit konventionellen, billigeren Wettbewerbern (hohes Lieferkettenrisiko, unklare Compliance) vergleicht.
- Executive Summary formulieren: Verfassen Sie eine prägnante Zusammenfassung für das C-Level, die die Vorteile Ihres Angebots in deren Sprache übersetzt: ESG-Compliance, Sicherung des Markenwerts, Erfüllung zukünftiger regulatorischer Anforderungen.
- Erfolgsmetriken liefern: Stellen Sie eine Referenzliste ähnlicher Unternehmen (Branche, Grösse) zusammen, die bereits erfolgreich mit Ihnen zusammenarbeiten, idealerweise mit quantifizierbaren Erfolgsmetriken (z.B. „Reduktion der Ausfallquote um 15%“).
- Zukunftssicherheit belegen: Dokumentieren Sie explizit, wie Ihre Lösung schon heute die Anforderungen von morgen (z.B. EU-Taxonomie, CSRD-Berichtspflichten) erfüllt, und positionieren Sie die Entscheidung als strategische Investition in die Zukunft.
Wie beeinflussen Sie das Buying Center, wenn Sie nicht am Tisch sitzen?
Sie haben einen exzellenten Draht zum Einkäufer, doch die finale Entscheidung wird von einem Gremium getroffen, dem „Buying Center“. Hier sitzen der CFO, der CTO, die Rechtsabteilung oder der Nachhaltigkeitsbeauftragte – Personen, die Sie nie treffen werden, deren Prioritäten aber den Ausschlag geben können. Der Einkäufer ist Ihr interner Champion, aber er braucht die richtige Munition, um seine Kollegen zu überzeugen. Ihre Aufgabe ist es, ihm massgeschneiderte Argumente für jede einzelne Rolle im Buying Center zu liefern.
Hören Sie auf, eine einzige, einheitliche Verkaufspräsentation zu erstellen. Denken Sie in den Kategorien des Buying Centers. Der CFO (Chief Financial Officer) interessiert sich nicht für technische Details, sondern für die finanzielle Seite: Risikominimierung, Sicherung des Unternehmenswerts, TCO und die positiven Auswirkungen auf das ESG-Rating, das für Investoren relevant ist. Der CTO (Chief Technical Officer) hingegen muss davon überzeugt werden, dass Ihre Lösung technologisch überlegen ist, Innovationen ermöglicht oder die Produktqualität verbessert. Die Rechtsabteilung will nur eines wissen: Ist die Lösung zu 100% compliant mit allen aktuellen und zukünftigen Regularien (LkSG, CSRD etc.)?
Eine Studie von Roland Berger unterstreicht die Notwendigkeit dieser differenzierten Ansprache. Experten raten dazu, die Vorteile von Nachhaltigkeit gezielt für jede Funktion zu übersetzen:
Für den CFO: Nachhaltigkeit als Risikominimierung und Sicherung des Unternehmenswerts. Für den CTO: Nachhaltige Materialien als Treiber für Produktinnovation.
– Roland Berger, How companies can benefit from sustainable procurement
Diese strategische Vorbereitung ist ein enormer Wettbewerbsvorteil, da viele Unternehmen hier noch am Anfang stehen. Eine Studie zeigt, dass nur 22 Prozent der Unternehmen ihre Mitarbeiter gezielt für die Herausforderungen des nachhaltigen Einkaufs weiterbilden. Indem Sie dem Einkäufer die Argumente für das Buying Center quasi „vor-kauen“, etablieren Sie sich als der kompetenteste und strategischste Partner und machen es ihm leicht, für Sie zu argumentieren.
Ihre Vertriebsstrategie muss sich also von einem reinen Produktfokus zu einer umfassenden Beratungsleistung entwickeln. Beginnen Sie noch heute damit, für jedes Ihrer Angebote ein „Rechtfertigungs-Kit“ zu entwickeln und Ihre Verkaufsargumente an den unterschiedlichen Rollen im Buying Center auszurichten, um Ihre Abschlussquoten signifikant zu erhöhen.